Jjajangmyeon 1912: Eine kulinarische Zeitreise zum Ursprung
Jjajangmyeon ist heute das ultimative “Comfort Food” Koreas, doch seine Geschichte beginnt nicht in einer modernen Imbisskette, sondern im Hafen von Incheon im Jahr 1912. Als chinesische Einwanderer dort das Restaurant Gonghwachun eröffneten, erschufen sie ein Gericht, das die Härte und den Überlebenswillen dieser Zeit widerspiegelte.
Vergessen Sie die süße, tiefschwarze Fertigsoße von heute. Die ursprüngliche Version war eine ehrliche Arbeitermahlzeit: kräftig, salzig und genährt durch pures Schweineschmalz. Wer dieses Rezept kocht, rekonstruiert ein Stück soziokulturelles Erbe und bekommt den unverfälschten Geschmack der chinesisch-koreanischen Pionierzeit auf den Teller.
Das Jjajangmyeon-Museum
Das Jjajangmyeon-Museum: Der Standort des Restaurants Gonghwachun ist heute das offizielle Jjajangmyeon-Museum. Seit 2012 wird dort dokumentiert, wie aus einer einfachen chinesischen Nudelspeise ein nationales Kulturerbe wurde.
Vom Hafenarbeiter-Essen zum Nationalgericht
Die Entstehung von Jjajangmyeon im Jahr 1912 markiert einen Wendepunkt in der koreanischen Esskultur. In den Gassen von Incheon mussten Mahlzeiten vor allem zwei Kriterien erfüllen: Sie mussten günstig und extrem nahrhaft sein. Die Verwendung von Schweineschmalz war keine rein kulinarische Entscheidung für den Geschmack allein, sondern eine notwendige Energiequelle für die körperlich schwere Arbeit am Dock.
Interessanterweise war die Soße damals weitaus dunkler und herber, da die Fermentationsprozesse der Bohnenpaste noch keine industrielle Standardisierung kannten. Jede Küche im Hafenviertel hatte ihre eigene Nuance. Dass wir heute eine fast schwarze, glänzende Soße kennen, liegt an der späteren Zugabe von Karamell und viel Zucker – Schritte, die im Original von 1912 noch keine Rolle spielten.
Beschreibung
Das Geheimnis der Rekonstruktion Die historische Zubereitung unterscheidet sich radikal von modernen Varianten. Alles beginnt mit hochwertigem Schweineschmalz – dem Geschmacksträger der 1910er Jahre. Darin wird die dunkle Bohnenpaste (Chunjang) regelrecht geröstet, um ihre herbe Bitternote in tiefes Aroma zu verwandeln.
Statt einer dicken, stärkegebundenen Soße erwartet Sie hier eine leichtere, fast brühenartige Konsistenz, die tief in die Poren der frischen Nudeln eindringt. Die rohen Gurkenstreifen am Ende sind kein bloßes Dekor: Sie sind der notwendige, frische Gegenspieler zur schweren, salzigen Tiefe der Soße.
Zutaten
Einlage
Soße
Topping
Anleitung
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Zutaten vorbereiten
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Schweinebauch in sehr feine Würfel (ca. 0,5 cm) schneiden.
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Zwiebel fein würfeln, Zucchini in feine Streifen (Julienne), Kartoffel in kleine Würfel (ca. 0,5 cm).
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Gurke für die Garnitur in feine Julienne-Streifen schneiden.
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Chunjang anbraten
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2 EL Schweineschmalz in einem Topf erhitzen.
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Die Chunjang-Paste hinzufügen und bei mittlerer Hitze für 2–3 Minuten anbraten, bis sie glänzt und duftet.
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Die Paste aus dem Topf nehmen und beiseite stellen.
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Fleisch und Gemüse anbraten
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Den restlichen 1 EL Schweineschmalz in den Topf geben.
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Die Schweinebauchwürfel bei mittlerer bis hoher Hitze anbraten, bis sie knusprig sind.
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Zwiebeln, Kartoffeln und Zucchini hinzufügen und für 5 Minuten mitbraten.
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Soße kochen
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Die angebratene Chunjang-Paste, 300 ml Wasser und die Sojasauce in den Topf geben.
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Alles gut verrühren, damit keine Klumpen entstehen.
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Zum Köcheln bringen, dann die Hitze reduzieren. 10–15 Minuten köcheln lassen, bis das Gemüse weich ist.
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Optional: Den Zucker hinzufügen und einrühren.
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Nudeln kochen und servieren
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Während die Soße köchelt, die Jungmyeon-Nudeln nach Packungsanleitung kochen.
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Nudeln abgießen und in Schalen verteilen.
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Die fertige Soße großzügig über die Nudeln geben.
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Mit Gurkenstreifen garnieren.
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Anmerkung
Historische Analyse & Anmerkungen zur Rekonstruktion
1. Die Bedeutung der Röst-Technik (Lǎojiàng)
Ein entscheidender Punkt in dieser Rekonstruktion ist das Anbraten der Paste. In der modernen Gastronomie wird dieser Schritt oft verkürzt oder durch Zucker kaschiert. Doch 1912 war das Rösten im Schmalz die einzige Methode, um die natürliche Säure der fermentierten Bohnen in ein tiefes, nussiges Aroma zu verwandeln. Dieser Vorgang entfernt den rohen Geschmack der Chunjang-Paste und entwickelt das tiefe, umami-reiche Aroma, das dieses Gericht definiert. Überspringe diesen Schritt niemals.
2. Authentische Konsistenz (Verzicht auf Stärke)
Die Verwendung von Stärkemehl kam erst Jahrzehnte später auf, um die Soße zu strecken und eine puddingartige Konsistenz zu erzeugen. Das Original von 1912 ist deutlich dünnflüssiger als die moderne Variante. Es ist eine „trockenere“, fast brühenartige Angelegenheit, bei der das aromatisierte Öl den Geschmack trägt und tief in die Poren der Nudeln eindringt. Dies ist kein Fehler, sondern ein entscheidendes historisches Merkmal, das die ursprüngliche Textur des Gerichts widerspiegelt.
3. Das historische Geschmacksprofil
Diese historische Version ist kräftiger, salziger und weniger süß als moderne Interpretationen. Der Zucker wird hier nur als chemischer Katalysator verwendet, um die Bitterkeit der Fermentation auszugleichen, nicht um dem Gericht eine dominante Süße zu verleihen. Dieser Unterschied ist essenziell, um den wahren, unverfälschten Geschmack der frühen chinesisch-koreanischen Pionierküche zu erleben, wie sie vor über 100 Jahren am Hafen von Incheon serviert wurde.
4. Die Garnitur als funktionaler Kontrast
Während moderne Rezepte oft gekochtes Gemüse als Beilage nutzen, war es bei der originalen Version üblich, ausschließlich rohe Gurkenstreifen hinzuzufügen. Die Gurke ist kein bloßes Dekor: Ihr frischer, knackiger Geschmack bildet den notwendigen, kühlen Gegenspieler zur schweren, salzigen Tiefe der Soße. In der Hafenküche war sie zudem ein funktionales Element, um die Fettigkeit des Schweineschmalzes am Gaumen zu neutralisieren.
